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Vorwort Die folgende Facharbeit wurde mir zur Veröffentlichung von Susanne Fischer zur Verfügung gestellt, um einer breiteren Öffentlichkeit den Zugang zu den historischen, modernen und natürlichen "Stationen" des Besinnungsweges in Bild und Text nahe zu bringen. Diese Darstellung kann und soll aber nicht die persönliche Wanderung, das Gehen auf dem "Weg der Besinnung" allein oder in Gemeinschaft ersetzen, sondern eine Hilfe und Anregung zur Betrachtung sein. Lesen Sie diese Texte, gewinnen Sie neue Einblicke, aber dann: MACHEN SIE SICH AUF IHREN WEG! Reinhold Meurer
Susanne Fischer Kunst als Ausdrucks- und Darstellungsmittel 2. Kunst als Ausdrucks- und Darstellungsmittel 3. Persönliche Erfahrungen und Eindrücke
Der Besinnungsweg Retztal– eine Energiequelle für Körper und Geist
„Die
Welt, in der wir leben, fordert heute sehr viel von uns. Hektik, Leistungsdruck,
häufige Anspannungen am Arbeitsplatz und in den zwischenmenschlichen
Beziehungen erzeugen schädlichen Stress. Wir drehen uns im Kreis und sehen vor
lauter Licht die Sterne am nächtlichen Himmel nicht mehr“ (1). Mit
diesen Worten wird einem Besucher des Besinnungsweges Retztal in der zugehörigen
Begleitbroschüre kurz und knapp deutlich vor Augen geführt, was im Grunde
genommen jedem klar ist, sich aber nur wenige eingestehen wollen. Unsere heutige
Zeit hat nur noch wenig mit dem Alltag vor mehreren Jahrzehnten gemein. Der
moderne Mensch ist geprägt durch allgemeine Schnelllebigkeit, welche der Wandel
der Gesellschaft automatisch und anfangs unmerklich mit sich gebracht hat. Die
meisten streben eine steile Karriere an, wollen möglichst viel Geld verdienen
und leben nach einem überfüllten Terminkalender. Jeder Tag wird bis ins Detail
geplant und durchstrukturiert, damit man alles schnell erledigen kann und trotz
allem den Überblick nicht verliert. Dazu kommen individuelle Probleme. Läuft
es am Arbeitsplatz schlechter als vor einem Jahr, so schürt das auf Grund der
momentanen wirtschaftlichen Situation die Angst vor drohender Arbeitslosigkeit.
Der Staat kürzt gezwungenermaßen wo immer er noch kann und fordert von der Bevölkerung
mehr und mehr Opfer, um das vorherrschende finanzielle Loch in der
Haushaltskasse zu schließen. Die Krankheit eines nahestehenden Menschen oder
andere Grenzerfahrungen entmutigen und verschlimmern zusätzlich die erdrückende
Situation des modernen Menschen. Er sehnt sich nach etwas Zeit für sich selbst,
um den Druck ein wenig von sich zu bekommen. Der Kopf soll ihm einmal klar und
seine Gedanken frei und offen sein. In seiner eigenen beengenden Welt vermisst
er das Gefühl, tief einatmen zu können und seine Lungen mit frischer Luft zu füllen,
während der Blick über ruhige, weite Landschaften schweift. Abwechslung
wird zu einem wichtigen Kriterium, damit die Augen nicht stur auf ein einziges
zu erreichendes Ziel gerichtet sind, sondern Neues erkennen und der Horizont des
Menschen erweitert wird. Die Alltagsprobleme müssen für eine Zeit lang
verblassen und somit leichter erscheinen, damit man Kraft für die spätere Bewältigung
schwieriger Situationen tanken kann. Hier greift der Besinnungsweg Retztal.
Entstehungsgeschichte
und Zielsetzung des Besinnungsweges
Die
Idee eines Meditationsweges hatte Pater Fritz Schaub bereits Anfang der 90er
Jahre. Bei einer Pfarrversammlung wurde offen ausgesprochen, was viele bereits
befürchtet hatten: Der vorherrschende große Mangel an Nachwuchs im Orden
bringt die Schließung kleinerer Eucharistinerklöster mit sich. Auch das in der
Gemeinde Retzstadt ansässige Haus könnte leicht unter die Opfer fallen. Eine
große Betroffenheit machte sich im Ort breit und man sann nach Lösungen dieses
Problems (2). Darauf
folgte die offizielle Geburtsstunde des Besinnungsweges Retztal.
Man
wollte einen Weg gestalten, auf dem Menschen um Berufe für den Orden beten und
die Hoffnung auf Nachwuchs nicht aufgeben sollten. In Anlehnung an den
Franziskusweg in Südtirol wollte man einen Weg anlegen, der landschaftlich schön
gelegen und mit Kunstwerken ausgestattet ist. So
kam es, dass Herr Schaub sich 1995 mit einigen interessierten Leuten zusammen
setzte und man gemeinsam Antworten auf anfallende Fragen suchte. Wie sollte der
Weg aussehen? Wo könnte er verlaufen? Was ist alles bei der Planung zu
bedenken? Wie finanziert man solch einen Weg? Schnell wurde deutlich, dass es
ein Rundweg werden sollte, der den bereits vorhandenen Mainwanderweg mit
einbezieht und die beiden benachbarten Dörfer Retzbach und Retzstadt verbindet.
Einige Gemeindemitglieder erklärten sich bereit, einzelne Inhalte des Weges zu
erarbeiten und ein Broschüre sowie ein begleitendes Buch zu gestalten. Schon
während der Planung rückte der Gedanke, durch diesen Weg Berufe für die
Kirche zu wecken, in den Hintergrund (3). Jeder Mensch sollte seine eigene
Berufung finden. Der Besinnungsweg wurde immer mehr zum individuellen Lebensweg
des pilgernden Besuchers. Durch Aufhebung des bestimmten Zieles wurde der Weg zu
dem, was er heute ist: Eine Möglichkeit, die Natur zu genießen und durch
Kunstwerke inspiriert seine eigenen Probleme hinter sich zu lassen. Man
findet auf diesem Weg die Ruhe, die benötigt wird, um anschließend frisch gestärkt
wieder in den Alltag zurückzukehren. Dieses
Angebot wird seit der offiziellen Einweihung am 13. Mai 1999 auch gerne genutzt. Die
einzelnen, künstlerisch gestalteten Stationen lassen Raum für Interpretationen
und Gedanken. Sie sind Symbole, die jeder für sich selbst individuell deuten
kann. Die Kunst soll die Pilger provozieren, sie aus ihren einschläfernden,
eintönigen, sich oft wiederholenden Lebensritualen herausholen und wachrütteln.
Doch gleichzeitig können die Stationen beruhigen (3). Wer eine schwere Zeit
durchlebt und vor einem Kunstwerk am Wegrand stehen bleibt, um nachzudenken,
findet vielleicht eine neue Richtung, eine Antwort auf eine Frage. Er kann etwas
entdecken, das ihm Mut macht und Kraft gibt, sich wieder aufzurichten und
Schritt für Schritt nicht nur den Besinnungsweg weiterzugehen, sondern auch auf
seinem eigenen Lebensweg voranzukommen. Die
Kunst wurde hier also als Gestaltungsmittel benutzt und schafft es, den
Stationen einen unvergesslichen Ausdruck zu verleihen. Kunsthistorische Stationen
Betrachtet
man die einzelnen Werke näher, so dürfen auch die bereits unter Denkmalschutz
stehenden, in den Weg mit einbezogenen Kulturgüter nicht vernachlässigt und übergangen
werden. Das romanische Portal
– eine Bannplastik
Das
romanische Portal am Treppenaufgang zur heutigen Kirche in Retzstadt stellt
eines dieser kunsthistorischen Stationen dar. Seine Entstehung reicht weit in
die Vergangenheit zurück.
Bereits
vor etwa 1 200 Jahren hat sich am Ende des Retztales eine Wohnsiedlung gebildet,
da die Bedingungen für ein relativ angenehmes Leben vorhanden waren: Die Nordhänge
schützten vor rauen Winden und sowohl die Quelle als auch der daraus
hervorgehende Bach boten den Menschen eine ausreichende Wasserversorgung. Etwas
erhöht an dem Berghang im Süden wurde eine Kultstätte errichtet, wo man die
Quellgeister und -dämonen verehrte. Einige
Jahrhunderte später funktionieren die Menschen dieses Wasserheiligtum in eine
christliche Kirche um, da das Heidentum überwunden schien. Ein mächtiger Turm
wurde angebaut und verlieh der kleinen Kirche den Charakter einer Wehrkirche,
welche der Siedlung an der Retz im Tal Schutz bot. Typisch war die Ausrichtung
des Gebäudes nach Osten und damit zur aufgehenden Sonne hin. Auffallend jedoch
ist, dass das Hauptportal dieser frühen Kirche an der Nordseite angebracht war
und nicht, wie üblicherweise bei romanischen Kirchen, an der West- oder Südseite.
Grund hierfür wird wohl die steile Hanglage gewesen sein. Durch den nördlich
gerichteten Eingang stand die Kirche aber automatisch den „Wassergeistern“
offen, welche sich auf dieser kalten und dunklen Seite im Tal unten aufhielten. Um
jene Wesen von der Kirche fernzuhalten, musste dem Portal eine besondere Weihe
und Aufmerksamkeit zukommen. Bildhauer wurden bestellt, um den Eingang in eine
sogenannte „Bannplastik“ zu verwandeln: Die vermeintlichen Wasser- und
Quellgeister wurden in den Steinbogen aus rotem Mainsandstein gemeißelt, so
dass sie nicht mehr in die Kirchen eindringen und Schaden anrichten konnten.
Wahrscheinlich holte man sich die Arbeiter im 12. Jahrhundert aus dem Kloster
Hirsau im Schwarzwald (2, 3). Diese Bildhauermönche waren ihrerseits vermutlich
von einer Künstlerschule aus der Lombardei, worauf auf Grund der „Barboni“
und der „Palmetten“ zu schließen ist. Jene „Barboni“ sind bärtige Köpfe,
bei welchen es sich wahrscheinlich um Selbstbildnisse der Künstler handelt (3).
Jedoch könnte man in den Figuren auch Vertreter des Mönchtums im Allgemeinen
vermuten, da die Benediktinermönche keine Bärte trugen. Mittlerweile kann man
diese Köpfe nur noch sehr schlecht in der Laibung des Kirchenportals zu beiden
Seiten auf angedeuteten Säulen erkennen, da das Material sowohl unter Witterung
und Abnutzung als auch unter Sanierungsarbeiten am Portal litt. Die Form eines
kräftigen, runden Kopfes ist lediglich noch zu erahnen. Die Nase wirkt recht
klein, die Augen dagegen glotzend und groß. Der Mund leitet in einen Spitzbart
über (3). Über den auf der Gegenseite angebrachten Kopf kann man zu heutiger
Zeit kaum mehr Angaben machen. Jedoch muss er wohl noch klobiger gearbeitet
gewesen sein (3).
Rechter
Barboni Ebenso
ist es nur schwer möglich, die „gebannten“ Wasser- und Quellgeister zu
identifizieren. Der
erste linke Bogenstein ist am wenigsten erhalten geblieben. Die Fase ist heute
fast nicht mehr erkenntlich. Sie beginnt mit einem Fischwesen mit einem
Menschenkopf, dem ein ähnliches Wesen folgt. Doch diese beiden Gestalten sind
leider vollkommen zerstört. Erahnen kann man hingegen die nächste anschließende
Figur. Dieser fehlt zwar der Kopf, doch lässt der Körper auf ein vogelähnliches
Wesen schließen, dessen Füße entweder überkreuz wiedergegeben sind oder ein
kreuzförmiges Band darstellen sollen.
Erster
Bogenstein Besser
erhalten ist die Fase des nächsten Bogensteines. Auch heute noch erkennt man
den Hirsch, der seinen Rücken zur Maueröffnung gerichtet hält und den gehörnten
Kopf nach hinten wendet und damit gleichzeitig auch nach unten dreht. Er scheint
von der nächsten Figur verfolgt zu werden. In diese kann man einen kleinen Bären
oder Luchs interpretieren, der lauernd direkt hinter dem Hirsch dargestellt ist.
Als dritte Figur ist auf dem Bogenstein ein merkwürdiges, otterähnliches Tier
mit Schwimmflossen eingemeißelt. Es ist nicht genau ersichtlich, wie viele Füße
das Wesen hat. Auf dem Bauch hält es eine Frucht fest, bei der es sich
eventuell um eine Traube handeln könnte. Sicher ist die Tatsache, dass es sich
um ein Wasserwesen handelt. Zwischen
diesem und dem nächsten Bogenstein ist ein Keil eingefügt, welcher wohl nötig
war, um die richtige Bogenspannung zu erreichen. Die Fase dieses Steins ist mit
einer sternartigen gezierten Flachkugel geschmückt.
Zweiter
Bogenstein Der
dritte Bogenstein zeigt wieder fantastische Wesen. Deutlich ist ein drachenähnliches
Tier erkennbar, das einem Vogelmenschen mit einem schwanzartigen Hinterteil ähnelt.
Der Kopf stellt ein breites Greisengesicht mit Spitzbart und vermutlich geöffnetem
Mund dar.
Dritter
Bogenstein Die
Fase des vierten Bogensteines weist leider wieder teilweise nur noch Reste auf.
Eine Figur ist beinahe gänzlich unkenntlich. Auch bei dieser zerstörten
Gestalt schien es sich um ein fischähnliches Wesen zu handeln. Besser ist
hingegen die letzte Figur erhalten: Ein Kleinwesen ist kopfüber in die Fase
gemeißelt. Die Arme oder Vorderfüße weisen nach unten Richtung Boden. Im Gesäß
ist der Körper abgewinkelt und die Beine oder Hinterfüße liegen gespreizt auf
Bauchhöhe. Die ganze Gestalt erinnert an einen zusammengekauerten Menschen (3).
Vierter
Bogenstein Es
fällt auf, dass am gesamten Portal keinerlei Andeutung christlicher Symbole
vorhanden ist. Der heidnische Glaube schien also trotz angeblicher Überwindung
und Hinwendung zum Christentum noch nicht ganz aus den Köpfen der Menschen
verbannt gewesen zu sein. Verweilt
der Pilger ohne Hintergrundwissen vor diesem Portal, so wirkt es auf ihn
erschreckend und irritierend, da neuzeitliche Kirchenportale meist durch klare
Linien und Formen strukturiert sind. Auch kommt hier der damals vorherrschende
Aberglaube deutlich zum Ausdruck. Der
Bildstock „Anbetung des Allerheiligsten“ Ebenso
führt der Besinnungsweg an vielen Bildstöcken vorbei. In
der Stegstraße in Retzstadt steht ein Prozessionshäuschen mit dem Relief der
Anbetung des Allerheiligsten durch zwei Engel. Die drei Bildelemente sind
klassisch zu einer Dreieckskomposition zusammengefügt. Der linke Engel hält
die Hände betend gefaltet und richtet den Blick nach oben zur Mitte des
Bildstocks. Der rechte Engel hingegen hält den Kopf gesenkt. Beide Figuren
knien am unteren Rand und wirken daher demütig. Über ihnen ist das
Allerheiligste durch einen hell herausstechenden Kelch dargestellt, in welchen
eine Hostie, die Verbildlichung des Leibes Christi, etwas eingesenkt ist.
Strahlen gehen von diesem mittig gesetzten Bildelement aus, wodurch die
Heiligkeit Christi stark verdeutlicht und hervorgehoben wird.
Bildstock
„Anbetung des Allerheiligsten“ Der
Betrachter fühlt sich in seinem Lauf angehalten, verweilt wie die Engel vor dem
Kelch und richtet seine Gedanken auf den Bildstock und dessen Inhalt. Die
Kunst hat hier das eigentlich nicht Darstellbare durch Symbolik sichtbar gemacht
und ermöglicht allen Menschen, zu dem Unvorstellbaren einen Bezug zu bekommen. Mit
in den Besinnungsweg aufgenommen wurde auch der Retzstadter Kreuzweg. Bereits im
Jahre 1877 erfolgte die Einweihung dieses Weges unter starker Teilnahme der Bevölkerung.
Alle Stationen auf dem Kirchberg sind schließlich in den Besinnungsweg
integriert worden und bilden einen wichtigen Bestandteil dessen. So kommt ein
Pilger auf dem schmalen Fußweg beispielsweise an dem beinahe menschengroß
dargestellten Jesus vorbei, welcher sterbend am Kreuz hängt. Zu beiden Seiten
hat der Bildhauer dieser 12. Station zwei weitere Figuren auf extra Sockeln
angebracht: Maria zu Jesu Linken und Johannes zu dessen Rechten. Auch
hier fügt sich die Komposition zu einem Dreieck zusammen. Jesus wirkt als
Hauptelement der Station durch das große Kreuz deutlich hervorgehoben und
wichtig.
12.
Kreuzwegstation Ebenfalls
auffällig ist die Kopfhaltung der Randfiguren: Wie schon bei den Engeln im
Relief des Prozessionshäuschens in der Retzstadter Stegstraße gleichen sich
der gesenkte Blick Marias und der erhobene des Johannes aus. Alle Gesichter drücken
Trauer und Schmerz aus. Dem
Betrachter wird durch diese emotionale Darstellung bewusst, wie sehr Jesus und
seine engsten Mitmenschen unter seiner Situation litten. So erkennt ein Pilger
dieses Weges, dass er mit seinen Problemen nicht alleine steht und es noch
Menschen gibt, die sein Leid mit ihm teilen. Eine
gute Gelegenheit für eine Rast findet man etwa einen Kilometer vom Breitfeld,
dem höchsten Punkt des Maindreiecks, entfernt. Am
Thüngersheimer Kreuz ist unter einem Baum eine Bank aufgestellt, von der aus
man auf das Maintal hinab schauen kann. Hier gestaltet sich die Natur als
eigentlicher Künstler. Der daneben stehende Bildstock aus dem Jahre 1948 kann
diese Komposition nur unterstützen.
Am
Thüngersheimer Kreuz Während
oft das eigene Leben nur begrenzt und kurz erscheint, hat hier die Natur, gleich
einem Mosaik, Weite und Vielfältigkeit zu bieten. In die natürlich gegebenen Täler
und Hügel fügen sich die von Menschen geschaffenen Dörfer und Wege. Auch das
Leben lässt Raum zur eigenen Gestaltung und setzt sich durch einzelne Teile
zusammen. Der
Weg zurück ins Retztal führt durch den Stationsweg von Retzbach. Auch hier
wird der Mensch durch jedes einzelne Prozessionshäuschen angesprochen. Durch
die ausdrucksstarken Reliefe wird dem Pilger abermals das Leiden Jesu bewusst
deutlich gemacht. Diese kunstvoll gestalteten Stationen erzählen eine
Geschichte, die jedoch nur ersichtlich und zusammenhängend wird, wenn man sich
mit jedem Bild beschäftigt. Die dargestellten Figuren sind sehr genau
ausgearbeitet und lassen Gesichtszüge erkennen.
Retzbacher
Stationsweg Die
12. Station des Retzbacher Kreuzweges zeigt die gleiche Darstellung wie die von
Retzstadt auf dem Kirchberg. Es wird nicht nur die Dreieckskomposition
wiedergegeben, sondern auch die Körperhaltungen einschließlich des Gegenspiels
durch die Köpfe der beiden Randfiguren. Durch
diese Wiederholung verinnerlicht und vertieft der Pilger das bereits erfahrene
Kunsterlebnis. Neben
der Retzbacher Wallfahrtskirche „Maria im grünen Tal“ bildet das Marienbrünnlein
einen populären Anziehungspunkt für Pilger. Die Quelle, aus welcher ständig
Wasser fließt, wurde durch eine Mariendarstellung verziert. Wasser
ist ein Symbol des Lebens (2). So wird der Mensch an den Ursprung, die Quelle
seines eigenen Lebens erinnert und kann durch das Wasser neuen Mut schöpfen.
Marienbrünnlein Doch
fügte man dem Besinnungsweg Retztal auch neue, moderne Kunstwerke hinzu. Der
„Wegweiser“, eines der jüngsten Projekte, stellt eine sehr ausdrucksstarke
Station dar. Das Besondere an diesem Werk ist jedoch nicht nur seine enorm prägende
Wirkung, sondern auch seine eigene Geschichte und Entstehung.
Wegweiser Die
kleine Metallplatte, welche neben der Station angebracht wurde, gibt dem Pilger
Informationen über die Herkunft des Werkes: „Ein Kunstprojekt im
Bezirkskrankenhaus Lohr am Main“ wurde in das Schildchen gefräst. Dem
Begleitbuch zum Besinnungsweg kann schließlich entnommen werden, dass es sich
bei den Künstlern um Menschen aus der Forensik handelt. Das
stimmt nachdenklich. Die
Station wurde von Menschen entworfen, die scheinbar nicht in unsere Gesellschaft
passen, aus der Norm fallen und daher weggesperrt und therapiert werden. Heidi
Leistner, eine Therapeutin des Bezirkskrankenhauses, verwirklichte zusammen mit
der Klinikseelsorgerin Johanna Schießl ihre Idee, mit einer Gruppe von
Patienten eine Station für den Besinnungsweg zu entwerfen. In dieser Station
sollten sich eventuell sogar selbst betroffene Menschen wiederfinden und auf dem
Weg ihren Platz finden (4). Die
Künstler konnten sich dadurch wieder etwas in die „normale“ Gesellschaft
integrieren und Anerkennung erfahren. Außenstehende hingegen werden auf die Künstler
und die Gruppe, für die sie stehen, aufmerksam gemacht und zum Nachdenken
angeregt. Das
gesamte Kunstwerk besteht aus drei eigenständigen Teilen, die sich durch ihre
Anordnung zu einem einzigen zusammengehörigen Ganzen vereinigen. Die beiden
Werkstoffe Metall und Holz ergänzen sich in dieser Station gut und erzeugen
eine starke Symbolwirkung. Das Holz ist dem Stamm einer Lärche entnommen.
„Der Baumstamm bedeutet Standfestigkeit“, schreibt einer der Künstler als
erläuternden Gedanken. In dieser Station wird das Holz zum Träger der Wünsche
und Ängste der Patienten. Kein Gedanke wurde auf banale Weise einfach in das
Holz geritzt. In
jede einzelne Stele sind mehrere Symbole eingearbeitet. Die
kleinste birgt bereits durch ihren Titel „Glaube Hoffnung Liebe“ (2) eine
enorme Fülle an Symbolen und Synonymen. Dem Pilger wird der Glaube als ein möglicher
Wegweiser in seinem eigenen Leben geboten und erkenntlich gemacht. Auf
der dem Weg zugewandten Seite der Stele ist ein Auge erkennbar. Es scheint das
Zentrum einer Lichtquelle zu sein. Deutlich sind die Strahlen in das Holz
gekerbt. Der Patient sieht in diesem Licht das Symbol für das Leben. Das Auge
wurde eingearbeitet, „um zu sehen und zu erkennen, was wirklich richtig ist“
(2). Unter
dem Auge tut sich ein Kreuz hervor, das zum Gebet einladen soll und allein durch
sein Auftreten den Glauben erkennen lässt.
Ohr
Auge und Kreuz Aus
einer anderen Perspektive betrachtet schließt sich der Vorderseite ein Ohr an,
„um zu hören und zu verstehen, was Wahrheit ist“ (2). Nicht immer setzen
Menschen das, was sie hören und sehen, exakt und richtig um. Falsche Freunde
und Vorbilder führen manchen Betroffenen in eine falsche Richtung. Aus
Bequemlichkeit wird oft einfach weggeschaut oder nicht hingehört, da man sich
vor der Umwelt verschließen und nichts von unangenehmen Themen wissen möchte.
Wenn ein Richter die Situation eines Angeklagten nicht richtig auffasst oder ein
Arzt eine falsche Beurteilung über einen Patienten schreibt, wird einfach über
einen Menschen entschieden. Es kann zu Missverständnissen kommen, welche das
Leben der Betroffenen einen anderen Verlauf nehmen lässt. Auf
einer anderen Seite der Stele sind Hände zu sehen. Die Handflächen sind
aufeinander gelegt und erinnern etwas an die „Betenden Hände“ von Albrecht
Dürer. Für den Künstler symbolisiert die Hand Halt. Er sieht die Hand sowohl
als eine, die von einer anderen gehalten wird, aber auch als eine, die Kraft
genug hat, anderen den nötigen Halt zu geben. Gott ist für diesen Menschen
solch eine führende Hand (2).
Hände Der
größten Stele kommen zwei Themenbereiche zu. Der kleine Abschnitt trägt den
Titel „Die drei Gesichter – Wegweiser zur eigenen Identität“. Sowohl die
„eigene Identität“ als auch die persönliche Zukunft werden hier in
FrageDas große Fragezeichen auf der einen Seite verdeckt fast gänzlich das
dahinter verborgene leere Gesicht.
Fragezeichen
mit
Eigene
Gesicht hinter leerem
Gesicht
Identität
Paragraph
Ein
ausgearbeitetes Gesicht weist schließlich auf das Wiederfinden der eigenen
Identität hin und zeigt sich von einer erkenntlicheren und klareren Struktur.
Der Mensch hat Hoffnung, sich selbst zu finden. Das Gesicht, welches den Pilger
auf dem Weg beobachtet, ist beinahe vollkommen durch einen Paragraphen ersetzt.
Im Buch regen die aufgelisteten Wörter „Sucht – Gewalt – Verurteilung –
Paragraph“ (2) zum Nachdenken an. Ein Mensch, der von einer krankhaften Macht
beherrscht wird, durchlebt demnach einzelne Phasen, bis er schließlich aus der
Gesellschaft genommen wird und durch einen geschriebenen Paragraphen sein
Gesicht zu verlieren droht. Zwei Augen blicken den Pilger durch das „Gitter“
an und beziehen ihn in die Situation mit ein. Durch dieses Teilprojekt macht
einer der Künstler seine Gedanken deutlich und schafft es, dem Pilger einen
Einblick in seine Welt zu ermöglichen. Diese
Gesichter sitzen auf dem Haupt eines „Dämons“. Er steht für all die
Krankheiten, unter denen Menschen leiden und von welchen sie besessen sein können.
Fast unmerklich langsam schleicht sich der Dämon in den Menschen ein, ergreift
von ihm Besitz und macht ihn zu einem Wrack, indem er ihm Seele und Kräfte
raubt (2). Auch Sucht kann solch ein Dämon sein. Wenn er den Menschen einmal
voll beherrscht, ist er nicht mehr so einfach los zu bekommen. So schaffen es
Suchtkranke nicht, ohne Hilfe und Therapie von ihrer Krankheit geheilt zu
werden. Die innere Unruhe lässt sie immer wieder zum Suchtmittel greifen und
erlaubt somit dem Dämon, weiterhin über sie zu walten. Die Sucht des Künstlers
hat ihn schließlich so weit zu Boden gebracht, dass er eingewiesen wurde.
Eingewiesen ins Bezirkskrankenhaus und gleichzeitig ausgewiesen aus der
Gesellschaft. Der Patient leidet sehr unter seiner Krankheit. Dem
Betrachter des Kunstwerkes wird dies klar, wenn er sich mit der Darstellung des
Dämon beschäftigt. Man erkennt eine Fratze. Der Mund ist weit aufgerissen und
nur die Zunge ragt aus der mächtigen Öffnung. Die Augen quillen
unterschiedlich ausgeprägt aus ihren Höhlen heraus. Eine Warze thront
erschreckend auf seiner rechten Backe.
Dämon Bedrückt
erkennt man schließlich unter der Fratze noch eine Grube, in der etwas
Verworrenes dargestellt ist: Ein Geschwür, welches einen Menschen schmerzt und
innerlich kaputt macht. „... mit Vollgas nach Nirgendwo, sterbe ich den
kleinen Tod, Tag um Tag aufs Neue. Du warst alles für mich, du warst mein Leben
– um dich zu erleben, hab ich leider mein Leben gegeben“ (2). Mit diesen
Worten schließt der Künstler seine Erläuterungen im Buch zum Besinnungsweg
und hinterlässt einen nachdenklichen Betrachter. Auch
die rechte Stele birgt zwei Themen. Ihr
oberes Ende bildet ein großer Adlerkopf. Als „König der Lüfte“ geltend
symbolisiert er die Freiheit. Für Patienten der Forensik verkörpert ein Adler
Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnung. Der Vogel kennt keine Grenzen und kann nicht
eingesperrt überleben. Der Künstler dieses Adlerkopfes sieht in dem Tier ein
Wesen, das bis zum Tod für seine Freiheit kämpft. Vom Aufwind begünstigt
erhebt sich der Vogel in die Lüfte, wo es keine Zäune und Absperrungen mehr
gibt. Dort oben herrscht eine grenzenlose Weite, welche nicht von der
Zivilisation beeinflusst ist. Das imponiert dem Künstler und er schickt dem
Tier seine Gedanken mit. „Adler fliegen hoch – Adler fliegen weit. Adler
haben Mut – Adler sind frei!“ (2). Dieses Tier steht als Symbol gleichzeitig
auch als Wegweiser für die Freiheit.
Doch
unterhalb seines Halses ragt ein zerstörter Turm aus der Stele heraus. Die
einzelnen, feingearbeiteten Fenster des Hochhauses sind flächig leicht geschwärzt
und verleihen dem Kunstwerk etwas Erschreckendes. Dieser zerbrochene Turm steht
als Wegweiser der Bedürfnisse und Gefühle. Der Künstler erinnert an den 11.
September 2001. Flugzeuge stürzten in das World Trade Center und rissen die
Menschen aus ihrem gewohnten Alltag heraus. Unsicherheit machte sich breit und
ließ das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Liebe aufkommen (2).
Plötzlich erkannten die Menschen wieder, dass Frieden in der Welt nicht alltäglich
ist. Dies machte sie sensibler und nachdenklicher. Das Ausmaß von Gewalt wurde
jedem ins Gedächtnis gerufen und genauer hinterfragt. Den Künstler hat dieser
Tag sehr geprägt. Er hat seine Welt verändert.
Doch
nicht nur dieser Turm und die übrigen geschnitzten Symbole wirken bedrohlich
und beklemmend. Auch der Stacheldraht, welcher das gesamte Kunstwerk umgibt,
regt zum Nachdenken an. Der metallene Draht grenzt die drei Stelen ein und
verbindet sie auf erschreckende Weise. Doch handelt es sich hier nicht einfach
um irgendeinen Stacheldraht. Es sind Teile des Drahtes, der viele Jahre die
Forensik umzäunte. Der Draht ist kunstvoll um die gesamte Station gewunden. Das
Ende wurde zu einer Pfeilspitze geformt und weist nach oben. Der Draht
symbolisiert in gewisser Weise einen möglichen Lebensweg. Man kann in seiner Führung
Höhen und Tiefen entdecken. Verschiedene Stationen eines Lebens werden berührt:
Der Dämon, die Gewalt, Sehnsüchte, der Glaube. Und letztlich zeigt er den Weg
in einen grenzenlosen Himmel. Im
Jahre 1999 wurde von der Retzstadter Landjugend am Waldrand ein alter Pflug
aufgestellt. Der Pilger erlebt hier den Übergang zwischen dem Lebensraum Wald
und dem Ackerland, das sich zur anderen Seite erstreckt. Deutlich verkörpert
der Pflug die harte Arbeit, mit welcher eine Ernte verbunden ist. Neben dem
unscheinbaren, einfachen Gerät ist ein Bildstock positioniert, auf dem aus der
Bibel zitiert wird. „Ich will dir nachfolgen Herr – Aber keiner, der die
Hand an den Pflug legt und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich
Gottes“ (Lk. 9, 61-62) und „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig
Arbeiter“ (Mt. 9, 37) steht auf dem Bildstock geschrieben.
So
wurde durch den Pflug eine sehr plastische Wirkung erzeugt. Der pilgernde Mensch
betrachtet automatisch dieses landwirtschaftliche Gerät und erleichtert sich
damit unbewusst das Nachdenken über diese Sätze. Das Kunstwerk „Pflug“
steht für Aufbruch und fordert die Menschen auf, stets nach vorne zu schauen. Mit
einfachen Mitteln wurde am Wegrand, umgeben von Buschwerk, ein Gedenkstein
gestaltet. Im ersten Augenblick übersieht man vielleicht das kleine Kreuz,
welches auf der Spitze des Steins steht, und auch das kurze Stück Seil, das an
diesem Felsblock befestigt ist wirkt unauffällig an dem großen harten
Gesteinsblock. Doch bleibt ein Pilger nachdenklich stehen, nachdem er diese
beiden Elemente entdeckt hat.
Gedenkstein „Dankbar
lebt die Erinnerung“ ist auf dem Schildchen zu lesen, welches ebenfalls am
Stein befestigt wurde. Das Seil ist abgerissen, die Enden sind ausgefranst. Der
Mensch, der das Gipfelkreuz erreichen wollte, ist abgestürzt. Einiges wäre
noch zu bewältigen gewesen und hätte noch getan werden müssen, doch dieser
Bergsteiger hat es nicht mehr geschafft. Er wurde herausgerissen aus seinem Tun. Es
gibt unterschiedliche Gründe, weshalb ein Mensch viel zu früh aus dem Leben
genommen wird. Eine Antwort darauf kann dieser Stein nicht geben. Doch hält
er den Pilger an, sich an Menschen zu erinnern. Eine
weitere Station macht schließlich deutlich, wie klein der Mensch verglichen an
der Geschichte der Erde ist. Die sogenannte „Zeitleiste“ stellt jeweils 33
Millionen Jahre als einen Meter dar und beginnt mit dem Urknall, welcher von
Wissenschaftlern vor 16 Milliarden Jahren vermutet wird. Der Pilger geht somit
die ganze Geschichte der Welt zu Fuß ab und bekommt an ausgewählten Punkten zu
lesen, wie sich das Universum entwickelt hat.
Zeitleiste An
der relativ frühen Entstehung des Sonnensystems mit der Erde und dem ersten
Leben in Form von Bakterien und Blaualgen, die nur 45 Meter bzw. 63 Meter vom
Urknall entfernt sind, wird dem Menschen klar, wie spät er selbst entstand.
Seine Entwicklung wird erst knapp 480 Meter nach dem Urknall aufgeführt. Durch
diese zeitliche Umsetzung erfährt der Mensch an jedem Stein der Zeitleiste von
Neuem, wie gigantisch die Weltgeschichte ist. Die Größe der Zeit steht der
Winzigkeit des Menschen gegenüber. Doch trotz der unscheinbar kurzen Dauer der
Menschheit liebt Gott die Menschen. Er liebt jeden Einzelnen und verleiht ihm
somit eine Würde, die aufwertet und Mut macht (3). Um
den höchsten Punkt des Maindreiecks zu erreichen, muss man einen kurzen
Abstecher zur Breitfeldhöhe machen. Dort findet man eine Station vor, welche
eine der neuesten des Besinnungsweges ist. Der Pilger findet sich in einer Weite
aus Feldern, Bergen und Tälern in der Ferne wieder. Der Blick schweift über
die Umgebung und ist nur durch den weit entfernten Horizont begrenzt. Das Gefühl
der Freiheit kommt auf. Die Wälder und Felder um uns herum wirken von dort oben
klein. Dinge, die dem Menschen groß, mächtig und vielleicht auch bedrohlich
erscheinen, bekommen ihren Schrecken genommen. Probleme verlieren etwas ihrer
Macht und sind scheinbar nicht mehr so erdrückend (2). Wieder
einmal wird die Natur selbst zur Kunst.
Vier
Steine verdeutlichen die Himmelsrichtungen und umgeben einen dominierenden
Gesteinsblock in der Mitte. Auf diesem deutet ein vierzackiger Stern nach Norden
Richtung Rhön, nach Osten zum Steigerwald, südlich auf die Stadt Würzburg und
Richtung Westen auf den Spessart hin. Die vier einzelnen Steine stehen für die
jeweiligen Gesteinsarten, welche in den ausgewiesenen Gebieten vorzufinden sind. Im
Frühjahr 2001 wurde die Station „Nest“, welches im Rahmen der Facharbeit
der Gymnasiastin Carolin Heßdörfer entstand, in den Besinnungsweg aufgenommen. Hierbei
handelt es sich um eine Konstruktion aus maschinell hergestelltem Baustahl. Die
Künstlerin schweißte die einzelnen Stäbe so zusammen, dass sie dem Grundgerüst
eines Nestes gleichkommen. Da die gesamte Form somit auf ein kaltes und kantiges
Gerippe reduziert wurde, wirkt diese Plastik unbequem und drückt eher das
Gegenteil unserer Assoziationen mit einem Nest aus. Normalerweise denkt man bei
dem Wort „Nest“ beispielsweise an ein Vogelnest. Warm, weich, geschützt und
einladend. Doch
bringt uns diese Station ein anderes Bild des Nestes hervor: Es ist eben nur ein
Grundgerüst. Was jeder Einzelne dann aus dieser Vorlage macht, bleibt ihm
selbst überlassen. Der Mensch muss sich also sein Nest selbst auspolstern.
Dabei bekommt er vielleicht Hilfe von Familie und Freunden, doch bleibt ein großer
Teil der Arbeit dem Besitzer des Nestes überlassen. Man muss seine eigene
kleine Welt so gestalten, dass die ersehnte Wärme und Geborgenheit überhaupt
die Möglichkeit bekommt, einzuziehen. Nächstenliebe wäre hierzu ein wichtiger
Faktor (2).
Ebenfalls
von einer Gymnasiastin als Facharbeit abgeliefert wurde das „Netz“. 2001
wurde das Kunstwerk von Cornelia Kotterba unweit von den Fischteichen zwischen
Retzbach und Retzstadt auf drei großen Steinen befestigt aufgestellt. Auch
hier handelt es sich um eine Metallkonstruktion. Starr und fest. Anders als man
erwartet hätte, wölbt sich die Plastik nach oben und erinnert an die Form
einer Muschel. Zusammen mit der festgehaltenen, wellenartigen Bewegung hat die
Station eine starke Verbindung zu ihrem Standort. Dieses Netz ist stabil und
kaum zu zerstören.
Zwischenmenschliche
Beziehungen könnten ein solches Netz bilden. „Ein Netz aus Menschen, das
Menschen herauszieht aus Irrwegen und Sackgassen, Lasten die uns niederdrücken,
Steine auf dem Herzen – wir legen sie ins Netz und tragen sie gemeinsam. Ein
Netz aus Menschen, damit wer fällt, aufgefangen wird, wer sich verliert,
gefunden wird, wer trauert, getröstet wird.“ (2). Diese Worte aus dem Buch
zum Besinnungsweg ermutigen und geben Kraft. Der Mensch ist nicht allein mit all
seinen Problemen. Dass
der Mensch Teil einer Gemeinschaft ist, macht auch die „Völkerwallfahrt“
auf künstlerische Weise deutlich. Viele Pilger, die auf dem Weg zur
Wallfahrtskirche „Maria im Grünen Tal“ sind, kommen an dieser Station
vorbei. Auffällig
ist die Größe der Mauer, welche von der Umgebung losgelöst und scheinbar
zusammenhanglos am Wegrand errichtet wurde. Zur Erbauung wurden Steine von
ausgedienten Weinbergsmauern von Retzstadt benutzt und somit ein Bezug zum
dortigen Landschaftsbild geschaffen. Die Form der Mauer erinnert an einen Berg
oder ein Dreieck, an dessen Spitze eine Art Tempel angebracht ist. Dieser wurde
von der Künstlerin Inge Sandeck aus Reichenberg in Emailliertechnik geschaffen
und stellt das gemeinsame Ziel, das himmlische Jerusalem, dar. Darunter lässt
die Künstlerin vier Bahnen konisch auf dieses Ziel zulaufen. Jede Bahn wurde
mit einer anderen Farbe versehen: gelb, grün, blau und rot. Sowohl die
strahlenförmige Anordnung als auch die Verschmälerung der einzelnen Bahnen
nach oben hin erwecken den Eindruck von Räumlichkeit.
Diese
Menschen sind unterwegs. Alle haben sich in eine Bahn eingeordnet und somit läuft
keiner alleine. Die Farben können unterschiedliche Bedeutungen haben.
Vielleicht handelt es sich um verschiedene Konfessionen oder Religionen. Aber
auch eine Aufteilung nach Völkern und Hautfarben wäre denkbar (3). Im Buch zum
Besinnungsweg bekommt der Leser eine Unterteilung gewiesen, die sich auf die
Einstellung und momentane Psyche der Menschen bezieht (2). Persönliche
Erfahrungen und Eindrücke Als
ich den Besinnungsweg Retztal entlang ging, bot sich mir neben den Kunstwerken
und Landschaftsbildern noch eine weitere Abwechslung. Die Natur präsentierte
mir ihre Vielfältigkeit durch ein Wechselspiel von Sonne und Regen. Durch diese
Verbindung, welche mir über die ganze Zeit erhalten blieb und mich im einen
Moment niedergeschlagen und gleich darauf wieder fröhlich stimmte, brachte die
Natur eigene kunstvolle Effekte hervor: Immer wieder durfte ich mir einen
Regenbogen betrachten und die Faszination der Farben auf mich wirken lassen. Doch
auch die einzelnen Stationen erreichten mich auf unterschiedliche Weise. Die
kunsthistorischen Werke erscheinen festgelegter und eingegrenzter, während
moderne Stationen mehr Freiraum bieten. Da diese Werke aus heutiger Sicht
geschaffen wurden, ist es leichter möglich, einen Bezug zu ihnen zu bekommen.
Gleich bei der ersten Betrachtung einer neueren Station fällt etwas
Ansprechendes auf. Jeder Mensch findet irgendetwas für sich selbst, kann sich
in das Werk hinein versetzten und sich für mindestens ein bestimmtes Element
begeistern. Da den Gedankengängen keine Grenzen gesetzt sind und die Stationen
nicht genau konkretisiert sind, können sie auf immer neue Weise ausgelegt und
dadurch individuell gestaltet werden. Ebenso
erschien es mir so, als bestünde zwischen dem Weg und dem Leben tatsächlich
bereits beim Abgehen der einzelnen Stationen eine direkte Verbindung. Zu Beginn
der Strecke wirkt die Anzahl der Kilometer erschlagend und enorm hoch. Doch je
weiter man gelaufen ist, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. Genau
dieser Eindruck lässt sich auf den eigenen Lebensweg übertragen. Einem Kind
erscheint die Welt endlos, Zeit hat keinerlei Relation. Doch je älter der
Mensch wird, desto stärker wird ihm bewusst, wie viele Jahre sein Leben bereits
gedauert hat und gegen Ende erscheint es ihm kürzer als es eigentlich gewesen
ist. Durch
meine Facharbeit wurde mir vor allem anhand der Station „Wegweiser“
deutlich, wie Menschen sich durch die Kunst mitteilen und ausdrücken können,
auch wenn sich ihnen sonst keine Möglichkeit bietet. Allgemein wurde
ersichtlich, dass es die Kunst vermag, schwierige Themen darzustellen und so dem
Menschen näher zu bringen. Susanne
Fischer Quellen- und Literaturverzeichnis 1. Begleitbroschüre des Besinnungsweges Retztal Hintergrundinformationen zur Themenbearbeitung: Bilder der einzelnen Stationen des Besinnungsweges: Susanne Fischer |
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-Letzte Aktualisierung: Samstag, 25. November 2006 21:36 - © Reinhold Meurer - IMPRESSUM - |