Kunst am Weg

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Vorwort

Die folgende Facharbeit wurde mir zur Veröffentlichung von Susanne Fischer  zur Verfügung gestellt, um einer breiteren Öffentlichkeit den Zugang zu den historischen, modernen und natürlichen "Stationen" des Besinnungsweges in Bild und Text nahe zu bringen.

Diese Darstellung kann und soll aber nicht die persönliche Wanderung, das Gehen auf dem "Weg der Besinnung" allein oder in Gemeinschaft ersetzen, sondern eine Hilfe und Anregung zur Betrachtung sein.

Lesen Sie diese Texte, gewinnen Sie neue Einblicke, aber dann:

MACHEN SIE SICH AUF IHREN WEG!

Reinhold Meurer 

  

Susanne Fischer

Kunst als Ausdrucks- und Darstellungsmittel
am Beispiel des Besinnungsweges Retztal


1. Der Besinnungsweg Retztal - eine Energiequelle
für Körper und Geist 

2. Kunst als Ausdrucks- und Darstellungsmittel 
2.1 Entstehungsgeschichte und Zielsetzung des Besinnungsweges
2.2 Kunsthistorische Stationen
2.2.1 Das romanische Portal - eine Bannplastik 

2.2.2 Weitere historische Beispiele
2.2.2.1 Der Bildstock "Anbetung des Allerheiligsten"
2.2.2.2 Die 12. Station des Retzstadter Kreuzweges
2.2.2.3 Die Station am Thüngersheimer Kreuz
2.2.2.4 Der Stationsweg in Retzbach
2.2.2.5 Das Marienbrünnlein - nicht nur eine Wasserquelle
2.3 Moderne Stationen
2.3.1 Der Wegweiser - ein Kunstprojekt von Ausgeschlossenen
2.3.2 Weitere Beispiele moderner Stationen
2.3.2.1 Der Pflug
2.3.2.2 Der Gedenkstein - es bleibt die Erinnerung
2.3.2.3 Die Zeitleiste - vom Urknall bis zur Gegenwart
2.3.2.4 Die Breitfeldhöhe
2.3.2.5 Das Nest
2.3.2.6 Das Netz
2.3.2.7 Die Völkerwallfahrt - Menschen unterwegs

3. Persönliche Erfahrungen und Eindrücke

 

Der Besinnungsweg Retztal 

– eine Energiequelle für Körper und Geist

„Die Welt, in der wir leben, fordert heute sehr viel von uns. Hektik, Leistungsdruck, häufige Anspannungen am Arbeitsplatz und in den zwischenmenschlichen Beziehungen erzeugen schädlichen Stress. Wir drehen uns im Kreis und sehen vor lauter Licht die Sterne am nächtlichen Himmel nicht mehr“ (1).

Mit diesen Worten wird einem Besucher des Besinnungsweges Retztal in der zugehörigen Begleitbroschüre kurz und knapp deutlich vor Augen geführt, was im Grunde genommen jedem klar ist, sich aber nur wenige eingestehen wollen. Unsere heutige Zeit hat nur noch wenig mit dem Alltag vor mehreren Jahrzehnten gemein. Der moderne Mensch ist geprägt durch allgemeine Schnelllebigkeit, welche der Wandel der Gesellschaft automatisch und anfangs unmerklich mit sich gebracht hat. Die meisten streben eine steile Karriere an, wollen möglichst viel Geld verdienen und leben nach einem überfüllten Terminkalender. Jeder Tag wird bis ins Detail geplant und durchstrukturiert, damit man alles schnell erledigen kann und trotz allem den Überblick nicht verliert. Dazu kommen individuelle Probleme. Läuft es am Arbeitsplatz schlechter als vor einem Jahr, so schürt das auf Grund der momentanen wirtschaftlichen Situation die Angst vor drohender Arbeitslosigkeit. Der Staat kürzt gezwungenermaßen wo immer er noch kann und fordert von der Bevölkerung mehr und mehr Opfer, um das vorherrschende finanzielle Loch in der Haushaltskasse zu schließen. Die Krankheit eines nahestehenden Menschen oder andere Grenzerfahrungen entmutigen und verschlimmern zusätzlich die erdrückende Situation des modernen Menschen. Er sehnt sich nach etwas Zeit für sich selbst, um den Druck ein wenig von sich zu bekommen. Der Kopf soll ihm einmal klar und seine Gedanken frei und offen sein. In seiner eigenen beengenden Welt vermisst er das Gefühl, tief einatmen zu können und seine Lungen mit frischer Luft zu füllen, während der Blick über ruhige, weite Landschaften schweift.

Abwechslung wird zu einem wichtigen Kriterium, damit die Augen nicht stur auf ein einziges zu erreichendes Ziel gerichtet sind, sondern Neues erkennen und der Horizont des Menschen erweitert wird. Die Alltagsprobleme müssen für eine Zeit lang verblassen und somit leichter erscheinen, damit man Kraft für die spätere Bewältigung schwieriger Situationen tanken kann. Hier greift der Besinnungsweg Retztal.

 

Entstehungsgeschichte und Zielsetzung des Besinnungsweges

Die Idee eines Meditationsweges hatte Pater Fritz Schaub bereits Anfang der 90er Jahre. Bei einer Pfarrversammlung wurde offen ausgesprochen, was viele bereits befürchtet hatten: Der vorherrschende große Mangel an Nachwuchs im Orden bringt die Schließung kleinerer Eucharistinerklöster mit sich. Auch das in der Gemeinde Retzstadt ansässige Haus könnte leicht unter die Opfer fallen. Eine große Betroffenheit machte sich im Ort breit und man sann nach Lösungen dieses Problems (2).

Darauf folgte die offizielle Geburtsstunde des Besinnungsweges Retztal.                 

Man wollte einen Weg gestalten, auf dem Menschen um Berufe für den Orden beten und die Hoffnung auf Nachwuchs nicht aufgeben sollten. In Anlehnung an den Franziskusweg in Südtirol wollte man einen Weg anlegen, der landschaftlich schön gelegen und mit Kunstwerken ausgestattet ist.

So kam es, dass Herr Schaub sich 1995 mit einigen interessierten Leuten zusammen setzte und man gemeinsam Antworten auf anfallende Fragen suchte. Wie sollte der Weg aussehen? Wo könnte er verlaufen? Was ist alles bei der Planung zu bedenken? Wie finanziert man solch einen Weg? Schnell wurde deutlich, dass es ein Rundweg werden sollte, der den bereits vorhandenen Mainwanderweg mit einbezieht und die beiden benachbarten Dörfer Retzbach und Retzstadt verbindet. Einige Gemeindemitglieder erklärten sich bereit, einzelne Inhalte des Weges zu erarbeiten und ein Broschüre sowie ein begleitendes Buch zu gestalten.

Schon während der Planung rückte der Gedanke, durch diesen Weg Berufe für die Kirche zu wecken, in den Hintergrund (3). Jeder Mensch sollte seine eigene Berufung finden. Der Besinnungsweg wurde immer mehr zum individuellen Lebensweg des pilgernden Besuchers. Durch Aufhebung des bestimmten Zieles wurde der Weg zu dem, was er heute ist: Eine Möglichkeit, die Natur zu genießen und durch Kunstwerke inspiriert seine eigenen Probleme hinter sich zu lassen. Man findet auf diesem Weg die Ruhe, die benötigt wird, um anschließend frisch gestärkt wieder in den Alltag zurückzukehren.

Dieses Angebot wird seit der offiziellen Einweihung am 13. Mai 1999 auch gerne genutzt.

Die einzelnen, künstlerisch gestalteten Stationen lassen Raum für Interpretationen und Gedanken. Sie sind Symbole, die jeder für sich selbst individuell deuten kann. Die Kunst soll die Pilger provozieren, sie aus ihren einschläfernden, eintönigen, sich oft wiederholenden Lebensritualen herausholen und wachrütteln. Doch gleichzeitig können die Stationen beruhigen (3). Wer eine schwere Zeit durchlebt und vor einem Kunstwerk am Wegrand stehen bleibt, um nachzudenken, findet vielleicht eine neue Richtung, eine Antwort auf eine Frage. Er kann etwas entdecken, das ihm Mut macht und Kraft gibt, sich wieder aufzurichten und Schritt für Schritt nicht nur den Besinnungsweg weiterzugehen, sondern auch auf seinem eigenen Lebensweg voranzukommen.

Die Kunst wurde hier also als Gestaltungsmittel benutzt und schafft es, den Stationen einen unvergesslichen Ausdruck zu verleihen.

 

Kunsthistorische Stationen

Betrachtet man die einzelnen Werke näher, so dürfen auch die bereits unter Denkmalschutz stehenden, in den Weg mit einbezogenen Kulturgüter nicht vernachlässigt und übergangen werden.

 

Das romanische Portal – eine Bannplastik

Das romanische Portal am Treppenaufgang zur heutigen Kirche in Retzstadt stellt eines dieser kunsthistorischen Stationen dar. Seine Entstehung reicht weit in die Vergangenheit zurück.

 

 

 

           Romanisches Portal

 

Bereits vor etwa 1 200 Jahren hat sich am Ende des Retztales eine Wohnsiedlung gebildet, da die Bedingungen für ein relativ angenehmes Leben vorhanden waren: Die Nordhänge schützten vor rauen Winden und sowohl die Quelle als auch der daraus hervorgehende Bach boten den Menschen eine ausreichende Wasserversorgung. Etwas erhöht an dem Berghang im Süden wurde eine Kultstätte errichtet, wo man die Quellgeister und -dämonen verehrte.

Einige Jahrhunderte später funktionieren die Menschen dieses Wasserheiligtum in eine christliche Kirche um, da das Heidentum überwunden schien. Ein mächtiger Turm wurde angebaut und verlieh der kleinen Kirche den Charakter einer Wehrkirche, welche der Siedlung an der Retz im Tal Schutz bot. Typisch war die Ausrichtung des Gebäudes nach Osten und damit zur aufgehenden Sonne hin. Auffallend jedoch ist, dass das Hauptportal dieser frühen Kirche an der Nordseite angebracht war und nicht, wie üblicherweise bei romanischen Kirchen, an der West- oder Südseite. Grund hierfür wird wohl die steile Hanglage gewesen sein. Durch den nördlich gerichteten Eingang stand die Kirche aber automatisch den „Wassergeistern“ offen, welche sich auf dieser kalten und dunklen Seite im Tal unten aufhielten.

Um jene Wesen von der Kirche fernzuhalten, musste dem Portal eine besondere Weihe und Aufmerksamkeit zukommen. Bildhauer wurden bestellt, um den Eingang in eine sogenannte „Bannplastik“ zu verwandeln: Die vermeintlichen Wasser- und Quellgeister wurden in den Steinbogen aus rotem Mainsandstein gemeißelt, so dass sie nicht mehr in die Kirchen eindringen und Schaden anrichten konnten. Wahrscheinlich holte man sich die Arbeiter im 12. Jahrhundert aus dem Kloster Hirsau im Schwarzwald (2, 3). Diese Bildhauermönche waren ihrerseits vermutlich von einer Künstlerschule aus der Lombardei, worauf auf Grund der „Barboni“ und der „Palmetten“ zu schließen ist. Jene „Barboni“ sind bärtige Köpfe, bei welchen es sich wahrscheinlich um Selbstbildnisse der Künstler handelt (3). Jedoch könnte man in den Figuren auch Vertreter des Mönchtums im Allgemeinen vermuten, da die Benediktinermönche keine Bärte trugen. Mittlerweile kann man diese Köpfe nur noch sehr schlecht in der Laibung des Kirchenportals zu beiden Seiten auf angedeuteten Säulen erkennen, da das Material sowohl unter Witterung und Abnutzung als auch unter Sanierungsarbeiten am Portal litt. Die Form eines kräftigen, runden Kopfes ist lediglich noch zu erahnen. Die Nase wirkt recht klein, die Augen dagegen glotzend und groß. Der Mund leitet in einen Spitzbart über (3). Über den auf der Gegenseite angebrachten Kopf kann man zu heutiger Zeit kaum mehr Angaben machen. Jedoch muss er wohl noch klobiger gearbeitet gewesen sein (3).

 

Rechter Barboni

 

 

Ebenso ist es nur schwer möglich, die „gebannten“ Wasser- und Quellgeister zu identifizieren.

Der erste linke Bogenstein ist am wenigsten erhalten geblieben. Die Fase ist heute fast nicht mehr erkenntlich. Sie beginnt mit einem Fischwesen mit einem Menschenkopf, dem ein ähnliches Wesen folgt. Doch diese beiden Gestalten sind leider vollkommen zerstört. Erahnen kann man hingegen die nächste anschließende Figur. Dieser fehlt zwar der Kopf, doch lässt der Körper auf ein vogelähnliches Wesen schließen, dessen Füße entweder überkreuz wiedergegeben sind oder ein kreuzförmiges Band darstellen sollen.

 

 

Erster Bogenstein

 

 

Besser erhalten ist die Fase des nächsten Bogensteines. Auch heute noch erkennt man den Hirsch, der seinen Rücken zur Maueröffnung gerichtet hält und den gehörnten Kopf nach hinten wendet und damit gleichzeitig auch nach unten dreht. Er scheint von der nächsten Figur verfolgt zu werden. In diese kann man einen kleinen Bären oder Luchs interpretieren, der lauernd direkt hinter dem Hirsch dargestellt ist. Als dritte Figur ist auf dem Bogenstein ein merkwürdiges, otterähnliches Tier mit Schwimmflossen eingemeißelt. Es ist nicht genau ersichtlich, wie viele Füße das Wesen hat. Auf dem Bauch hält es eine Frucht fest, bei der es sich eventuell um eine Traube handeln könnte. Sicher ist die Tatsache, dass es sich um ein Wasserwesen handelt.

Zwischen diesem und dem nächsten Bogenstein ist ein Keil eingefügt, welcher wohl nötig war, um die richtige Bogenspannung zu erreichen. Die Fase dieses Steins ist mit einer sternartigen gezierten Flachkugel geschmückt.

 

 

Zweiter Bogenstein

 

 

Der dritte Bogenstein zeigt wieder fantastische Wesen. Deutlich ist ein drachenähnliches Tier erkennbar, das einem Vogelmenschen mit einem schwanzartigen Hinterteil ähnelt. Der Kopf stellt ein breites Greisengesicht mit Spitzbart und vermutlich geöffnetem Mund dar.

 

 

Dritter Bogenstein

 
      

 

Die Fase des vierten Bogensteines weist leider wieder teilweise nur noch Reste auf. Eine Figur ist beinahe gänzlich unkenntlich. Auch bei dieser zerstörten Gestalt schien es sich um ein fischähnliches Wesen zu handeln. Besser ist hingegen die letzte Figur erhalten: Ein Kleinwesen ist kopfüber in die Fase gemeißelt. Die Arme oder Vorderfüße weisen nach unten Richtung Boden. Im Gesäß ist der Körper abgewinkelt und die Beine oder Hinterfüße liegen gespreizt auf Bauchhöhe. Die ganze Gestalt erinnert an einen zusammengekauerten Menschen (3).

 

 

Vierter Bogenstein

 
                                                                        

 

Es fällt auf, dass am gesamten Portal keinerlei Andeutung christlicher Symbole vorhanden ist. Der heidnische Glaube schien also trotz angeblicher Überwindung und Hinwendung zum Christentum noch nicht ganz aus den Köpfen der Menschen verbannt gewesen zu sein.

Verweilt der Pilger ohne Hintergrundwissen vor diesem Portal, so wirkt es auf ihn erschreckend und irritierend, da neuzeitliche Kirchenportale meist durch klare Linien und Formen strukturiert sind. Auch kommt hier der damals vorherrschende Aberglaube deutlich zum Ausdruck.

 

Der Bildstock „Anbetung des Allerheiligsten“

 

Ebenso führt der Besinnungsweg an vielen Bildstöcken vorbei.

In der Stegstraße in Retzstadt steht ein Prozessionshäuschen mit dem Relief der Anbetung des Allerheiligsten durch zwei Engel. Die drei Bildelemente sind klassisch zu einer Dreieckskomposition zusammengefügt. Der linke Engel hält die Hände betend gefaltet und richtet den Blick nach oben zur Mitte des Bildstocks. Der rechte Engel hingegen hält den Kopf gesenkt. Beide Figuren knien am unteren Rand und wirken daher demütig. Über ihnen ist das Allerheiligste durch einen hell herausstechenden Kelch dargestellt, in welchen eine Hostie, die Verbildlichung des Leibes Christi, etwas eingesenkt ist. Strahlen gehen von diesem mittig gesetzten Bildelement aus, wodurch die Heiligkeit Christi stark verdeutlicht und hervorgehoben wird.

 

 

Bildstock „Anbetung des Allerheiligsten“

 

 

 

Der Betrachter fühlt sich in seinem Lauf angehalten, verweilt wie die Engel vor dem Kelch und richtet seine Gedanken auf den Bildstock und dessen Inhalt.

Die Kunst hat hier das eigentlich nicht Darstellbare durch Symbolik sichtbar gemacht und ermöglicht allen Menschen, zu dem Unvorstellbaren einen Bezug zu bekommen.

 

Die 12. Station des Retzstadter Kreuzweges

Mit in den Besinnungsweg aufgenommen wurde auch der Retzstadter Kreuzweg. Bereits im Jahre 1877 erfolgte die Einweihung dieses Weges unter starker Teilnahme der Bevölkerung. Alle Stationen auf dem Kirchberg sind schließlich in den Besinnungsweg integriert worden und bilden einen wichtigen Bestandteil dessen. So kommt ein Pilger auf dem schmalen Fußweg beispielsweise an dem beinahe menschengroß dargestellten Jesus vorbei, welcher sterbend am Kreuz hängt. Zu beiden Seiten hat der Bildhauer dieser 12. Station zwei weitere Figuren auf extra Sockeln angebracht: Maria zu Jesu Linken und Johannes zu dessen Rechten.

Auch hier fügt sich die Komposition zu einem Dreieck zusammen. Jesus wirkt als Hauptelement der Station durch das große Kreuz deutlich hervorgehoben und wichtig.

 

 

12. Kreuzwegstation

 

 

Ebenfalls auffällig ist die Kopfhaltung der Randfiguren: Wie schon bei den Engeln im Relief des Prozessionshäuschens in der Retzstadter Stegstraße gleichen sich der gesenkte Blick Marias und der erhobene des Johannes aus. Alle Gesichter drücken Trauer und Schmerz aus.

Dem Betrachter wird durch diese emotionale Darstellung bewusst, wie sehr Jesus und seine engsten Mitmenschen unter seiner Situation litten. So erkennt ein Pilger dieses Weges, dass er mit seinen Problemen nicht alleine steht und es noch Menschen gibt, die sein Leid mit ihm teilen.

 

 

Die Station am Thüngersheimer Kreuz

 

Eine gute Gelegenheit für eine Rast findet man etwa einen Kilometer vom Breitfeld, dem höchsten Punkt des Maindreiecks, entfernt.

Am Thüngersheimer Kreuz ist unter einem Baum eine Bank aufgestellt, von der aus man auf das Maintal hinab schauen kann. Hier gestaltet sich die Natur als eigentlicher Künstler. Der daneben stehende Bildstock aus dem Jahre 1948 kann diese Komposition nur unterstützen.

 

 

Am Thüngersheimer Kreuz

 

 

Während oft das eigene Leben nur begrenzt und kurz erscheint, hat hier die Natur, gleich einem Mosaik, Weite und Vielfältigkeit zu bieten. In die natürlich gegebenen Täler und Hügel fügen sich die von Menschen geschaffenen Dörfer und Wege. Auch das Leben lässt Raum zur eigenen Gestaltung und setzt sich durch einzelne Teile zusammen.

 

Der Stationsweg in Retzbach

 

Der Weg zurück ins Retztal führt durch den Stationsweg von Retzbach. Auch hier wird der Mensch durch jedes einzelne Prozessionshäuschen angesprochen. Durch die ausdrucksstarken Reliefe wird dem Pilger abermals das Leiden Jesu bewusst deutlich gemacht. Diese kunstvoll gestalteten Stationen erzählen eine Geschichte, die jedoch nur ersichtlich und zusammenhängend wird, wenn man sich mit jedem Bild beschäftigt. Die dargestellten Figuren sind sehr genau ausgearbeitet und lassen Gesichtszüge erkennen.

 

Retzbacher Stationsweg

 
 

 


Die 12. Station des Retzbacher Kreuzweges zeigt die gleiche Darstellung wie die von Retzstadt auf dem Kirchberg. Es wird nicht nur die Dreieckskomposition wiedergegeben, sondern auch die Körperhaltungen einschließlich des Gegenspiels durch die Köpfe der beiden Randfiguren.

Durch diese Wiederholung verinnerlicht und vertieft der Pilger das bereits erfahrene Kunsterlebnis.

 

 

Das Marienbrünnlein – nicht nur eine Wasserquelle

 

Neben der Retzbacher Wallfahrtskirche „Maria im grünen Tal“ bildet das Marienbrünnlein einen populären Anziehungspunkt für Pilger. Die Quelle, aus welcher ständig Wasser fließt, wurde durch eine Mariendarstellung verziert.

Wasser ist ein Symbol des Lebens (2). So wird der Mensch an den Ursprung, die Quelle seines eigenen Lebens erinnert und kann durch das Wasser neuen Mut schöpfen.

 

 

       Marienbrünnlein

 

 

 

 

Moderne Stationen

 

Doch fügte man dem Besinnungsweg Retztal auch neue, moderne Kunstwerke hinzu.

 

 

Der Wegweiser 

– ein Kunstprojekt von Ausgeschlossenen

 

Der „Wegweiser“, eines der jüngsten Projekte, stellt eine sehr ausdrucksstarke Station dar. Das Besondere an diesem Werk ist jedoch nicht nur seine enorm prägende Wirkung, sondern auch seine eigene Geschichte und Entstehung.

 

Wegweiser

 

 

 

Die kleine Metallplatte, welche neben der Station angebracht wurde, gibt dem Pilger Informationen über die Herkunft des Werkes: „Ein Kunstprojekt im Bezirkskrankenhaus Lohr am Main“ wurde in das Schildchen gefräst. Dem Begleitbuch zum Besinnungsweg kann schließlich entnommen werden, dass es sich bei den Künstlern um Menschen aus der Forensik handelt.

Das stimmt nachdenklich.

Die Station wurde von Menschen entworfen, die scheinbar nicht in unsere Gesellschaft passen, aus der Norm fallen und daher weggesperrt und therapiert werden.

Heidi Leistner, eine Therapeutin des Bezirkskrankenhauses, verwirklichte zusammen mit der Klinikseelsorgerin Johanna Schießl ihre Idee, mit einer Gruppe von Patienten eine Station für den Besinnungsweg zu entwerfen. In dieser Station sollten sich eventuell sogar selbst betroffene Menschen wiederfinden und auf dem Weg ihren Platz finden (4).

Die Künstler konnten sich dadurch wieder etwas in die „normale“ Gesellschaft integrieren und Anerkennung erfahren. Außenstehende hingegen werden auf die Künstler und die Gruppe, für die sie stehen, aufmerksam gemacht und zum Nachdenken angeregt.

Das gesamte Kunstwerk besteht aus drei eigenständigen Teilen, die sich durch ihre Anordnung zu einem einzigen zusammengehörigen Ganzen vereinigen. Die beiden Werkstoffe Metall und Holz ergänzen sich in dieser Station gut und erzeugen eine starke Symbolwirkung. Das Holz ist dem Stamm einer Lärche entnommen. „Der Baumstamm bedeutet Standfestigkeit“, schreibt einer der Künstler als erläuternden Gedanken. In dieser Station wird das Holz zum Träger der Wünsche und Ängste der Patienten. Kein Gedanke wurde auf banale Weise einfach in das Holz geritzt.

In jede einzelne Stele sind mehrere Symbole eingearbeitet.

Die kleinste birgt bereits durch ihren Titel „Glaube Hoffnung Liebe“ (2) eine enorme Fülle an Symbolen und Synonymen. Dem Pilger wird der Glaube als ein möglicher Wegweiser in seinem eigenen Leben geboten und erkenntlich gemacht.

Auf der dem Weg zugewandten Seite der Stele ist ein Auge erkennbar. Es scheint das Zentrum einer Lichtquelle zu sein. Deutlich sind die Strahlen in das Holz gekerbt. Der Patient sieht in diesem Licht das Symbol für das Leben. Das Auge wurde eingearbeitet, „um zu sehen und zu erkennen, was wirklich richtig ist“ (2).

Unter dem Auge tut sich ein Kreuz hervor, das zum Gebet einladen soll und allein durch sein Auftreten den Glauben erkennen lässt.

 

 

 

 

 

            Ohr                             Auge und Kreuz

Aus einer anderen Perspektive betrachtet schließt sich der Vorderseite ein Ohr an, „um zu hören und zu verstehen, was Wahrheit ist“ (2). Nicht immer setzen Menschen das, was sie hören und sehen, exakt und richtig um. Falsche Freunde und Vorbilder führen manchen Betroffenen in eine falsche Richtung. Aus Bequemlichkeit wird oft einfach weggeschaut oder nicht hingehört, da man sich vor der Umwelt verschließen und nichts von unangenehmen Themen wissen möchte. Wenn ein Richter die Situation eines Angeklagten nicht richtig auffasst oder ein Arzt eine falsche Beurteilung über einen Patienten schreibt, wird einfach über einen Menschen entschieden. Es kann zu Missverständnissen kommen, welche das Leben der Betroffenen einen anderen Verlauf nehmen lässt.

Auf einer anderen Seite der Stele sind Hände zu sehen. Die Handflächen sind aufeinander gelegt und erinnern etwas an die „Betenden Hände“ von Albrecht Dürer. Für den Künstler symbolisiert die Hand Halt. Er sieht die Hand sowohl als eine, die von einer anderen gehalten wird, aber auch als eine, die Kraft genug hat, anderen den nötigen Halt zu geben. Gott ist für diesen Menschen solch eine führende Hand (2).

 

 

 

               Hände

Der größten Stele kommen zwei Themenbereiche zu. Der kleine Abschnitt trägt den Titel „Die drei Gesichter – Wegweiser zur eigenen Identität“. Sowohl die „eigene Identität“ als auch die persönliche Zukunft werden hier in FrageDas große Fragezeichen auf der einen Seite verdeckt fast gänzlich das dahinter verborgene leere Gesicht.

 

 

 

 

 

 

Fragezeichen mit                     Eigene                                 Gesicht hinter

 leerem Gesicht                       Identität                                   Paragraph

 

 

 

 

 

 

Ein ausgearbeitetes Gesicht weist schließlich auf das Wiederfinden der eigenen Identität hin und zeigt sich von einer erkenntlicheren und klareren Struktur. Der Mensch hat Hoffnung, sich selbst zu finden. Das Gesicht, welches den Pilger auf dem Weg beobachtet, ist beinahe vollkommen durch einen Paragraphen ersetzt. Im Buch regen die aufgelisteten Wörter „Sucht – Gewalt – Verurteilung – Paragraph“ (2) zum Nachdenken an. Ein Mensch, der von einer krankhaften Macht beherrscht wird, durchlebt demnach einzelne Phasen, bis er schließlich aus der Gesellschaft genommen wird und durch einen geschriebenen Paragraphen sein Gesicht zu verlieren droht. Zwei Augen blicken den Pilger durch das „Gitter“ an und beziehen ihn in die Situation mit ein. Durch dieses Teilprojekt macht einer der Künstler seine Gedanken deutlich und schafft es, dem Pilger einen Einblick in seine Welt zu ermöglichen.

Diese Gesichter sitzen auf dem Haupt eines „Dämons“. Er steht für all die Krankheiten, unter denen Menschen leiden und von welchen sie besessen sein können. Fast unmerklich langsam schleicht sich der Dämon in den Menschen ein, ergreift von ihm Besitz und macht ihn zu einem Wrack, indem er ihm Seele und Kräfte raubt (2). Auch Sucht kann solch ein Dämon sein. Wenn er den Menschen einmal voll beherrscht, ist er nicht mehr so einfach los zu bekommen. So schaffen es Suchtkranke nicht, ohne Hilfe und Therapie von ihrer Krankheit geheilt zu werden. Die innere Unruhe lässt sie immer wieder zum Suchtmittel greifen und erlaubt somit dem Dämon, weiterhin über sie zu walten. Die Sucht des Künstlers hat ihn schließlich so weit zu Boden gebracht, dass er eingewiesen wurde. Eingewiesen ins Bezirkskrankenhaus und gleichzeitig ausgewiesen aus der Gesellschaft. Der Patient leidet sehr unter seiner Krankheit.

Dem Betrachter des Kunstwerkes wird dies klar, wenn er sich mit der Darstellung des Dämon beschäftigt. Man erkennt eine Fratze. Der Mund ist weit aufgerissen und nur die Zunge ragt aus der mächtigen Öffnung. Die Augen quillen unterschiedlich ausgeprägt aus ihren Höhlen heraus. Eine Warze thront erschreckend auf seiner rechten Backe.

 

 

 

 

                 Dämon

Bedrückt erkennt man schließlich unter der Fratze noch eine Grube, in der etwas Verworrenes dargestellt ist: Ein Geschwür, welches einen Menschen schmerzt und innerlich kaputt macht. „... mit Vollgas nach Nirgendwo, sterbe ich den kleinen Tod, Tag um Tag aufs Neue. Du warst alles für mich, du warst mein Leben – um dich zu erleben, hab ich leider mein Leben gegeben“ (2). Mit diesen Worten schließt der Künstler seine Erläuterungen im Buch zum Besinnungsweg und hinterlässt einen nachdenklichen Betrachter.

Auch die rechte Stele birgt zwei Themen.

Ihr oberes Ende bildet ein großer Adlerkopf. Als „König der Lüfte“ geltend symbolisiert er die Freiheit. Für Patienten der Forensik verkörpert ein Adler Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnung. Der Vogel kennt keine Grenzen und kann nicht eingesperrt überleben. Der Künstler dieses Adlerkopfes sieht in dem Tier ein Wesen, das bis zum Tod für seine Freiheit kämpft. Vom Aufwind begünstigt erhebt sich der Vogel in die Lüfte, wo es keine Zäune und Absperrungen mehr gibt. Dort oben herrscht eine grenzenlose Weite, welche nicht von der Zivilisation beeinflusst ist. Das imponiert dem Künstler und er schickt dem Tier seine Gedanken mit. „Adler fliegen hoch – Adler fliegen weit. Adler haben Mut – Adler sind frei!“ (2). Dieses Tier steht als Symbol gleichzeitig auch als Wegweiser für die Freiheit.

 

 

 

 

                    Adlerkopf

Doch unterhalb seines Halses ragt ein zerstörter Turm aus der Stele heraus. Die einzelnen, feingearbeiteten Fenster des Hochhauses sind flächig leicht geschwärzt und verleihen dem Kunstwerk etwas Erschreckendes. Dieser zerbrochene Turm steht als Wegweiser der Bedürfnisse und Gefühle. Der Künstler erinnert an den 11. September 2001. Flugzeuge stürzten in das World Trade Center und rissen die Menschen aus ihrem gewohnten Alltag heraus. Unsicherheit machte sich breit und ließ das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Liebe aufkommen (2). Plötzlich erkannten die Menschen wieder, dass Frieden in der Welt nicht alltäglich ist. Dies machte sie sensibler und nachdenklicher. Das Ausmaß von Gewalt wurde jedem ins Gedächtnis gerufen und genauer hinterfragt. Den Künstler hat dieser Tag sehr geprägt. Er hat seine Welt verändert.

 

 

 

 

            Zerstörter Turm

Doch nicht nur dieser Turm und die übrigen geschnitzten Symbole wirken bedrohlich und beklemmend. Auch der Stacheldraht, welcher das gesamte Kunstwerk umgibt, regt zum Nachdenken an. Der metallene Draht grenzt die drei Stelen ein und verbindet sie auf erschreckende Weise. Doch handelt es sich hier nicht einfach um irgendeinen Stacheldraht. Es sind Teile des Drahtes, der viele Jahre die Forensik umzäunte. Der Draht ist kunstvoll um die gesamte Station gewunden. Das Ende wurde zu einer Pfeilspitze geformt und weist nach oben. Der Draht symbolisiert in gewisser Weise einen möglichen Lebensweg. Man kann in seiner Führung Höhen und Tiefen entdecken. Verschiedene Stationen eines Lebens werden berührt: Der Dämon, die Gewalt, Sehnsüchte, der Glaube. Und letztlich zeigt er den Weg in einen grenzenlosen Himmel.

 

Der Pflug

Im Jahre 1999 wurde von der Retzstadter Landjugend am Waldrand ein alter Pflug aufgestellt. Der Pilger erlebt hier den Übergang zwischen dem Lebensraum Wald und dem Ackerland, das sich zur anderen Seite erstreckt. Deutlich verkörpert der Pflug die harte Arbeit, mit welcher eine Ernte verbunden ist. Neben dem unscheinbaren, einfachen Gerät ist ein Bildstock positioniert, auf dem aus der Bibel zitiert wird. „Ich will dir nachfolgen Herr – Aber keiner, der die Hand an den Pflug legt und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes“ (Lk. 9, 61-62) und „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter“ (Mt. 9, 37) steht auf dem Bildstock geschrieben.

 

     Pflug

So wurde durch den Pflug eine sehr plastische Wirkung erzeugt. Der pilgernde Mensch betrachtet automatisch dieses landwirtschaftliche Gerät und erleichtert sich damit unbewusst das Nachdenken über diese Sätze. Das Kunstwerk „Pflug“ steht für Aufbruch und fordert die Menschen auf, stets nach vorne zu schauen.

 

Der Gedenkstein – es bleibt die Erinnerung

Mit einfachen Mitteln wurde am Wegrand, umgeben von Buschwerk, ein Gedenkstein gestaltet. Im ersten Augenblick übersieht man vielleicht das kleine Kreuz, welches auf der Spitze des Steins steht, und auch das kurze Stück Seil, das an diesem Felsblock befestigt ist wirkt unauffällig an dem großen harten Gesteinsblock. Doch bleibt ein Pilger nachdenklich stehen, nachdem er diese beiden Elemente entdeckt hat.

                    Gedenkstein

„Dankbar lebt die Erinnerung“ ist auf dem Schildchen zu lesen, welches ebenfalls am Stein befestigt wurde. Das Seil ist abgerissen, die Enden sind ausgefranst. Der Mensch, der das Gipfelkreuz erreichen wollte, ist abgestürzt. Einiges wäre noch zu bewältigen gewesen und hätte noch getan werden müssen, doch dieser Bergsteiger hat es nicht mehr geschafft. Er wurde herausgerissen aus seinem Tun.

Es gibt unterschiedliche Gründe, weshalb ein Mensch viel zu früh aus dem Leben genommen wird. Eine Antwort darauf kann dieser Stein nicht geben. Doch hält er den Pilger an, sich an Menschen zu erinnern.

 

Die Zeitleiste – vom Urknall bis zur Gegenwart

Eine weitere Station macht schließlich deutlich, wie klein der Mensch verglichen an der Geschichte der Erde ist. Die sogenannte „Zeitleiste“ stellt jeweils 33 Millionen Jahre als einen Meter dar und beginnt mit dem Urknall, welcher von Wissenschaftlern vor 16 Milliarden Jahren vermutet wird. Der Pilger geht somit die ganze Geschichte der Welt zu Fuß ab und bekommt an ausgewählten Punkten zu lesen, wie sich das Universum entwickelt hat.

 

 

      

                Zeitleiste

An der relativ frühen Entstehung des Sonnensystems mit der Erde und dem ersten Leben in Form von Bakterien und Blaualgen, die nur 45 Meter bzw. 63 Meter vom Urknall entfernt sind, wird dem Menschen klar, wie spät er selbst entstand. Seine Entwicklung wird erst knapp 480 Meter nach dem Urknall aufgeführt.

Durch diese zeitliche Umsetzung erfährt der Mensch an jedem Stein der Zeitleiste von Neuem, wie gigantisch die Weltgeschichte ist. Die Größe der Zeit steht der Winzigkeit des Menschen gegenüber. Doch trotz der unscheinbar kurzen Dauer der Menschheit liebt Gott die Menschen. Er liebt jeden Einzelnen und verleiht ihm somit eine Würde, die aufwertet und Mut macht (3).

 

Die Breitfeldhöhe

Um den höchsten Punkt des Maindreiecks zu erreichen, muss man einen kurzen Abstecher zur Breitfeldhöhe machen. Dort findet man eine Station vor, welche eine der neuesten des Besinnungsweges ist. Der Pilger findet sich in einer Weite aus Feldern, Bergen und Tälern in der Ferne wieder. Der Blick schweift über die Umgebung und ist nur durch den weit entfernten Horizont begrenzt. Das Gefühl der Freiheit kommt auf. Die Wälder und Felder um uns herum wirken von dort oben klein. Dinge, die dem Menschen groß, mächtig und vielleicht auch bedrohlich erscheinen, bekommen ihren Schrecken genommen. Probleme verlieren etwas ihrer Macht und sind scheinbar nicht mehr so erdrückend (2).

Wieder einmal wird die Natur selbst zur Kunst.

 

 

 

          Breitfeldhöhe

Vier Steine verdeutlichen die Himmelsrichtungen und umgeben einen dominierenden Gesteinsblock in der Mitte. Auf diesem deutet ein vierzackiger Stern nach Norden Richtung Rhön, nach Osten zum Steigerwald, südlich auf die Stadt Würzburg und Richtung Westen auf den Spessart hin. Die vier einzelnen Steine stehen für die jeweiligen Gesteinsarten, welche in den ausgewiesenen Gebieten vorzufinden sind.

Das Nest

Im Frühjahr 2001 wurde die Station „Nest“, welches im Rahmen der Facharbeit der Gymnasiastin Carolin Heßdörfer entstand, in den Besinnungsweg aufgenommen.

Hierbei handelt es sich um eine Konstruktion aus maschinell hergestelltem Baustahl. Die Künstlerin schweißte die einzelnen Stäbe so zusammen, dass sie dem Grundgerüst eines Nestes gleichkommen. Da die gesamte Form somit auf ein kaltes und kantiges Gerippe reduziert wurde, wirkt diese Plastik unbequem und drückt eher das Gegenteil unserer Assoziationen mit einem Nest aus. Normalerweise denkt man bei dem Wort „Nest“ beispielsweise an ein Vogelnest. Warm, weich, geschützt und einladend.

Doch bringt uns diese Station ein anderes Bild des Nestes hervor: Es ist eben nur ein Grundgerüst. Was jeder Einzelne dann aus dieser Vorlage macht, bleibt ihm selbst überlassen. Der Mensch muss sich also sein Nest selbst auspolstern. Dabei bekommt er vielleicht Hilfe von Familie und Freunden, doch bleibt ein großer Teil der Arbeit dem Besitzer des Nestes überlassen. Man muss seine eigene kleine Welt so gestalten, dass die ersehnte Wärme und Geborgenheit überhaupt die Möglichkeit bekommt, einzuziehen. Nächstenliebe wäre hierzu ein wichtiger Faktor (2).

 

 

 

   Nest

   Viele Pilger, die an dieser Station vorbeikommen, sind schon stehen geblieben und haben sich Gedanken gemacht. Einige wollten der vorherrschenden Kälte des Nestes entgegenwirken und haben Moos, Gras und Blätter in das Gerüst gelegt. Das zeigt, dass Menschen bei der Nestgestaltung mithelfen wollen, sich nicht ausklinken, sondern aktiv wirken. Dadurch wird die Station „Nest“ zu etwas Lebendigem, das sich immer weiter entwickelt.

 

Das Netz

Ebenfalls von einer Gymnasiastin als Facharbeit abgeliefert wurde das „Netz“. 2001 wurde das Kunstwerk von Cornelia Kotterba unweit von den Fischteichen zwischen Retzbach und Retzstadt auf drei großen Steinen befestigt aufgestellt.

Auch hier handelt es sich um eine Metallkonstruktion. Starr und fest. Anders als man erwartet hätte, wölbt sich die Plastik nach oben und erinnert an die Form einer Muschel. Zusammen mit der festgehaltenen, wellenartigen Bewegung hat die Station eine starke Verbindung zu ihrem Standort. Dieses Netz ist stabil und kaum zu zerstören.

 

 

      Netz

Zwischenmenschliche Beziehungen könnten ein solches Netz bilden. „Ein Netz aus Menschen, das Menschen herauszieht aus Irrwegen und Sackgassen, Lasten die uns niederdrücken, Steine auf dem Herzen – wir legen sie ins Netz und tragen sie gemeinsam. Ein Netz aus Menschen, damit wer fällt, aufgefangen wird, wer sich verliert, gefunden wird, wer trauert, getröstet wird.“ (2). Diese Worte aus dem Buch zum Besinnungsweg ermutigen und geben Kraft. Der Mensch ist nicht allein mit all seinen Problemen.

Die Völkerwallfahrt – Menschen unterwegs

Dass der Mensch Teil einer Gemeinschaft ist, macht auch die „Völkerwallfahrt“ auf künstlerische Weise deutlich. Viele Pilger, die auf dem Weg zur Wallfahrtskirche „Maria im Grünen Tal“ sind, kommen an dieser Station vorbei.

Auffällig ist die Größe der Mauer, welche von der Umgebung losgelöst und scheinbar zusammenhanglos am Wegrand errichtet wurde. Zur Erbauung wurden Steine von ausgedienten Weinbergsmauern von Retzstadt benutzt und somit ein Bezug zum dortigen Landschaftsbild geschaffen. Die Form der Mauer erinnert an einen Berg oder ein Dreieck, an dessen Spitze eine Art Tempel angebracht ist. Dieser wurde von der Künstlerin Inge Sandeck aus Reichenberg in Emailliertechnik geschaffen und stellt das gemeinsame Ziel, das himmlische Jerusalem, dar. Darunter lässt die Künstlerin vier Bahnen konisch auf dieses Ziel zulaufen. Jede Bahn wurde mit einer anderen Farbe versehen: gelb, grün, blau und rot. Sowohl die strahlenförmige Anordnung als auch die Verschmälerung der einzelnen Bahnen nach oben hin erwecken den Eindruck von Räumlichkeit.          

 

 

 

         Völkerwallfahrt

 

Diese Menschen sind unterwegs. Alle haben sich in eine Bahn eingeordnet und somit läuft keiner alleine. Die Farben können unterschiedliche Bedeutungen haben. Vielleicht handelt es sich um verschiedene Konfessionen oder Religionen. Aber auch eine Aufteilung nach Völkern und Hautfarben wäre denkbar (3). Im Buch zum Besinnungsweg bekommt der Leser eine Unterteilung gewiesen, die sich auf die Einstellung und momentane Psyche der Menschen bezieht (2).

 

Persönliche Erfahrungen und Eindrücke

Als ich den Besinnungsweg Retztal entlang ging, bot sich mir neben den Kunstwerken und Landschaftsbildern noch eine weitere Abwechslung. Die Natur präsentierte mir ihre Vielfältigkeit durch ein Wechselspiel von Sonne und Regen. Durch diese Verbindung, welche mir über die ganze Zeit erhalten blieb und mich im einen Moment niedergeschlagen und gleich darauf wieder fröhlich stimmte, brachte die Natur eigene kunstvolle Effekte hervor: Immer wieder durfte ich mir einen Regenbogen betrachten und die Faszination der Farben auf mich wirken lassen.

Doch auch die einzelnen Stationen erreichten mich auf unterschiedliche Weise. Die kunsthistorischen Werke erscheinen festgelegter und eingegrenzter, während moderne Stationen mehr Freiraum bieten. Da diese Werke aus heutiger Sicht geschaffen wurden, ist es leichter möglich, einen Bezug zu ihnen zu bekommen. Gleich bei der ersten Betrachtung einer neueren Station fällt etwas Ansprechendes auf. Jeder Mensch findet irgendetwas für sich selbst, kann sich in das Werk hinein versetzten und sich für mindestens ein bestimmtes Element begeistern. Da den Gedankengängen keine Grenzen gesetzt sind und die Stationen nicht genau konkretisiert sind, können sie auf immer neue Weise ausgelegt und dadurch individuell gestaltet werden.

Ebenso erschien es mir so, als bestünde zwischen dem Weg und dem Leben tatsächlich bereits beim Abgehen der einzelnen Stationen eine direkte Verbindung. Zu Beginn der Strecke wirkt die Anzahl der Kilometer erschlagend und enorm hoch. Doch je weiter man gelaufen ist, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. Genau dieser Eindruck lässt sich auf den eigenen Lebensweg übertragen. Einem Kind erscheint die Welt endlos, Zeit hat keinerlei Relation. Doch je älter der Mensch wird, desto stärker wird ihm bewusst, wie viele Jahre sein Leben bereits gedauert hat und gegen Ende erscheint es ihm kürzer als es eigentlich gewesen ist.

Durch meine Facharbeit wurde mir vor allem anhand der Station „Wegweiser“ deutlich, wie Menschen sich durch die Kunst mitteilen und ausdrücken können, auch wenn sich ihnen sonst keine Möglichkeit bietet. Allgemein wurde ersichtlich, dass es die Kunst vermag, schwierige Themen darzustellen und so dem Menschen näher zu bringen.

Susanne Fischer


Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Begleitbroschüre des Besinnungsweges Retztal
2. Trägerverein "Besinnungsweg Retztal e.V.": Geh deinen Weg - Besinnungsweg Retztal. Abtei Münsterschwarzach, Vier-Türme GmbH, Benedict Press, 2002
3. Interview mit Pater Fritz Schaub, 08.10.2003
4. Interview mit Frau Heidi Leistner, 09.01.2004 / 17.01.2004

Hintergrundinformationen zur Themenbearbeitung:
- Sitzungsprotokolle des Trägervereins
- Private Aufzeichnungen von Pater Fritz Schaub
- Gespräch mit Hr. und Fr. Rothaug, Retzstadt, 02.01.2004
- Kirchenverwaltung Retzstadt: Ortschronik von Retzstadt, Retzstadt, 1980
- http://www.forensik.de/forum/lohr/skulpt_2.html, 04.04.2003
- http://www.mainpost.de/mainfranken/kalrstadt/772,938476.html, 01.04.2003
- http://www.jsg-karlstadt.de/projects/besinnungsweg.htm, 03.04.2003
- http://www.retzstadt.de/besinnungsweg.htm, 29.08.2003

Bilder der einzelnen Stationen des Besinnungsweges: Susanne Fischer
Bilder der Station Wegweiser: Lothar Beier

 

 

-Letzte Aktualisierung: Samstag, 25. November 2006 21:36 © Reinhold Meurer - IMPRESSUM -

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