| Hinter Fenstern
Wie hat sich die innere Landschaft so
eingezeichnet,
daß dich mancher Schritt vom Haus weg zum Wald
direkt in die Kindheit führt?
Oder daß du dich plötzlich beim Warten
auf einem Bahnhof gänzlich verloren fühlst
und dir die Tränen kommen. Als wäre der große Vertraute
gerade eben wieder von deiner Kinderhand weg
in der Menschenmenge unsichtbar untergetaucht.
Kam da nicht ein dunkelrotes Luftschiff
und ließ für dich die rettende Strickleiter herab?
Seither auf- und davongeträumt. Statt
der Uhr
dreht sich das Räderwerk der Tage aus deinem Blick.
Jahreszahlen siehst du aus den Augenwinkeln
umklappen im Alltagsgehäuse. Das innere Auge
bewegt sich in frühe Bildspuren zurück.
Im goldblutenden Ahorn rauscht plötzlich
Freude auf und glüht mit dem Herbstlicht
das Gefühlskind ins Jetzt.
Sekunden dauert dein Leben
im Milliardennetz der Neuronen.
Und aus ferneren Schichten
noch vor der Erfindung des Rades
riechst du die Angst.
Wie jetzt, wenn in einer Höhlenöffnung
gegenüber
jemand ein Bild ansieht und weint.
Während nebenan zur gleichen Zeit
jemand eine Dose öffnet und hungrig ins Brot beißt.
Darüber schläft jemand am Tisch
mit dem Kopf auf den Armen.
Darunter küßt eine Frau einen Mann auf den Hals.
Die flache Hand auf seiner Brust
drückt sie ihn von sich, dreht sich um,
wirft die langen Haare zurück, verschwindet
aus deinem Blick ins Dunkel.
Heinz Kattner
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